Seborrhoische Dermatitis des Erwachsenen L21.9

Zuletzt aktualisiert am: 07.03.2019

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Dermatitis dysseborrhoische; Dermatitis seborrhoides; Dermatitis seborrhoische; seborrheic dermatitis; seborrhoic dermatitis; seborrhoisches Ekzem; Seborrhoisches Ekzem des Erwachsenen; seborrhoisches Kopfhautekzem

Erstbeschreiber

Plenck, 1776; Unna, 1886

Definition

Häufige, genetisch prädisponierte, die seborrhoischen Zonen betreffende, chronische, therapieresistente, ansonsten relativ mild verlaufende Dermatitis mit saisonalem Verlauf (Besserung in den Sommermonaten), deren Eigenständigkeit und Ätiologie umstritten ist.

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Dermatologie

Sehr häufig vorkommende (möglicherweise die häufigste Manifestation der Psoriasis- gute epidemiologische Da...

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Vorkommen/Epidemiologie

Prävalenz (Mitteleuropa): 3-10% der Bevölkerung.

Ätiopathogenese

Die nosologische Stellung ist seit der Erstbeschreibung durch Josef Jakob Plenk umstritten.

Unna beschrieb eine "chronisch parasitäre, durch abnormen Fettgehalt der oberflächlichsten Epidermislagen ausgezeichnete Hautentzündung".

Diskutiert wird bei einer Dysfunktion der Talgdrüsen einerseits eine Minusvariante der Psoriasis bzw. die Initiierung oder die Beeinflussung der residenten Flora der Haut insbes. durch Malassezia spp (insbes. Malassezia globosa).

Diesen nach wie vor umstrittenen ätiopathogenetischen Zusammenhang vermutete 1874 bereits Louis-Charles Malassez, nach dem die Malassezia spp. benannt sind. Versch. Untersuchungen legen diese Vermutung sowohl beim infantilen als auch beim erwachsenen Typ nahe. Andere Untersuchungen fanden jedoch in der Besiedlung der Kopfhaut keinen Unterschied zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen.

Die seborrhoische Dermatitis tritt bei HIV-Infizierten gehäuft auf. Auch ein M. Parkinson wirkt krankheitsverschlechternd. 

Manifestation

  • Typ I: Im Säuglingsalter auftretend, Manifestation in den ersten 3 Lebensmonaten. Der klinische Verlauf ist selbstlimitierend.
  • Typ II: Während des 3.-5. Lebensjahrzehnts auftretend, (Phasen hoher Talgdrüsenaktivität); Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen. Eine genetische Disposition ist nicht beschrieben.

 

Extensive, akute Formen des seborrhoischen Ekzems sollten u.a. an eine disponierende HIV-Infektion denken .

Lokalisation

  • Seborrhoische Zonen: Gesicht (Augenbrauen, nasolabial, retroaurikulär), häufig am Kapillitium.
  • Weitere Lokalisationen: Intertriginös, prästernal, gelegentlich genital (vor allem bei Männern), am Rücken.

Klinisches Bild

Das klinische Bild der seborrhoischen Dermatitis ist ortsgeprägt unterschiedlich.

Capillitium: bevorzugt ist das Capillitium betroffen. Hier gekennzeichnet durch ein wenig scharf begrenzte, flächige, Rötungen (diese können auch komplett fehlen) mit dichter, nicht festhaftender, weißer Kopfschuppung (engl. "dandruff"). Die Haaransatzgrenzen werden meist nicht überschritten (DD:  Psoriasis capitis, bei der diese Grenze meist überschritten wird). Juckreiz fehlt oder ist nur gering ausgeprägt. Nicht selten wird das seborrhoisches Ekzem des Capillitiums von einem vermutlich "entzündungsbedingten" Effluvium begleitet, das unter einer suffizienten Therapie reversibel sein kann. 

Gesicht: betroffen sind die zentrofazialen "seborrhoischen Hautareale" wie Stirnmitte, Perinasalregion mit roten, marginierten, schuppigen Plaques mit unterschiedlichem Schuppenbesatz. 

Rumpf: hier sind die zentralen seborrhoischen Zonen (Schweißrinnen im Sternalbereich, entlang der Wirbelsäule, Schultergürtel) befallen.  Es zeigen sich figurierte, wenig oder überhaupt nicht juckende, unterschiedlich intensiv schuppende, meist ortsständige, scharf begrenzte, rote oder rot-braune Flecken, Papeln oder konfluierte Plaques.

Einige Hautveränderungen erscheinen marginiert und sind dann differentialdiagnostisch kaum von einer Tinea corporis oder einer (seborrhoiden) Psoriasis vulgaris zu unterscheiden.

 

Histologie

Das histologische Bild ist für die "seborrhoische Dermatitis " nicht spezifisch. Üblicherweise findet sich eine unterschiedlich intensiv akanthotisch verbreiterte Epidermis mit Orthohyperkeratose und fokaler Parahyperkeratose (Parakeratosehügel). Häufig Verlust der Korbgeflechtstruktur. In der papillären Dermis zeigt sich ein eher geringgradiges  Ödem. Schütteres, perivaskulär orientiertes, aber auch diffuses überwiegend lymphozytäres Infiltrat. Fokale Epidermotropie mit milder (auch fehlender) Spongiose.

Steckbrief:

  • psoriasiforme Epidermihyperplasie
  • geringgradige Spongiose mit Betonung der Infundibula
  • geringgradige superfizielle perivaskuläre Lymphozyteniniflitrate
  • Parakeratosehügel 

Differentialdiagnose

Je nach Befallsmuster und Lokalisationen kommen unterschiedliche Erkrankungen in Frage:

Capillitium: 

  • Tinea capitis: mikroskopischer und zellkultureller Pilz-Nachweis!
  • Lichen simplex des Nackens (v.a. bei Frauen):  lokalisierte, stark juckende, deutlich infiltrierte Ekzemform.
  • Atopisches Kopfhautekzem: Nachweis von weiteren Atopiezeichen; diffuses, trocken und kleinlamellös schuppendes , stark juckendes Ekzem.
  • Pediculosis capitis: akutes, meist nässende, massiv juckende  Dermatitis. Nachweis von Läusen (Nissen).
  • Kontaktallergisches Ekzem der Kopfhaut: z.B. nach Anwendung von Haarfärbemitteln 
  • Lichen planus follicularis capillitii: eminent chronisches, häufig juckendes, eher lokalisiertes Krankheitsbild mit follikulärer Entzündung und  Alopezie. Typisch sind peripiläre, den Haarschaft distal einscheidende, Schuppungen mit dem Bild der "lonely hairs".  
  • Pemphigus foliaceus: selten! stark entzündlich, erosiv nässend; Beeteiligung weiterer  seborrhoischer Zonen.  Histologische/immunhistologische Abklärung.

Bei anderen Lokalisationen:

Merke! Fehlender Juckreiz beim seborrhoischen Ekzem hilft bei der differenzialdiagnostischen Abgrenzung.

Therapie allgemein

Wegen der Rezidivneigung ist die Behandlung des seborrhoischen Ekzems grundsätzlich als "Langzeitstrategie" anzulegen. Hierbei ist schwerpunktmäßig die bestehende Seborrhoe und/oder die mikrobielle Fehlbesiedlung zu korrigieren. Das Behandlungsprinzip ist entzündungshemmend und antimikrobiell. Aufgrund einer möglichen Reizbarkeit dieser Dermatose sollten aggressive Behandlungsmethoden nicht eingesetzt werden. Behandlung des Säuglingsekzems: s.u. Dermatitis seborrhoides infantum.

Externe Therapie

Capillitium: Bei leichtem Befall blande, eher austrocknende Shampoos wie Dermowas, Mineralsalzshampoos oder Sebamed-flüssig.

Bei mittlerem bis schwerem Befall haben sich antimykotische Präparate mit Azol-Derivaten wie Ketoconazol (Ket-Schuppenshampoo), Clotrimazol (SD-Hermal Minuten Creme) oder Ciclopirox (z.B. Batrafen S Shampoo) oder Salicylsäure (Stieproxal) bewährt.

Alternativ: Teer-haltige Präparate wie LCD 5% in Lygal Kopfsalbe oder Ichthyol® -haltige Präparate wie Ichthosin Creme oder Ichthoderm Creme.

Alternativ: Zinkpyrithion- oder Selendisulfid-haltige Shampoos wie z.B. Desquaman® können hilfreich sein.

Bei stark entzündlicher Komponente können kurzfristig (!) auch topische Glukokortikoide (z.B. Pandel Creme, Ecural-Fettsalbe oder -Lösung) eingesetzt werden. Evtl. Kombinationspräparate von Glukokortikoiden mit Teerzusatz (z.B. Alpicort), keratolytisch wirkende Präparate mit Salicylsäure (z.B.  R155 ) oder abschuppende Shampoos wie Criniton® Haarwäsche.

Gesichtsherde: Erfolgreich sind Antimykotika wie Ketoconazol- oder Ciclopirox-haltige Cremes (z.B. Nizoral Creme; Batrafen Creme). Keine zu fetten Salbengrundlagen!

Alternativ können 1-2% Metronidazol-Cremes (z.B. Metrocreme,  R167 ) oder Gele (z.B. Metrogel), Antibiotika-haltige Externa wie 1-2% Erythromycin Creme (Aknemycin) oder Lösung (z.B. Stiemycine Lösung,  R086 ) eingesetzt werden. Bei Exazerbation kurzfristig (!) Glukokortikoid-Cremes wie 1% Hydrocortisonbuteprat (Pandel Creme) oder 0,05% Betamethason-V Lotio  R030 . Bei seborrhoischer Blepharitis Glukokortikoid-haltige Augensalbe (z.B. Ficortril). Gute Behandlungsergebnisse wurden bei einer Therapie mit Lithium (8% Lithiumgluconat-Creme) und Tacrolimus (Protopic Salbe) / Pimecrolimus (Elidel) berichtet.

Körperherde: Antimykotika wie Ketoconazol-haltige Cremes (z.B. Nizoral Creme). Auch hier keine zu fetten Salbengrundlagen! Hilfreich ist teilweise auch 2% Clioquinol-Lotion  R050 , versuchsweise Lithium-haltige Salben (z.B. Efadermin). Nur bei Exazerbation kurzfristig (!) Glukokortikoid-Cremes ( Glukokortikoide, topische).

Hautreinigung: Zur Hautreinigung alkalifreie Waschmittel (z.B. Eucerin), Badezusätze wie Weizenkleie-Haferstrohextrakt (z.B. Silvapin).

Ergänzend: Eine milde UV-Therapie kann versucht werden, sie führt allerdings nicht in allen Fällen zum Erfolg. Langsame Dosissteigerung ist zu empfehlen; UV-induzierte Irritationen sind möglich.

Interne Therapie

Bei disseminierten Formen ggf. interne Therapie mit Glukokortikoiden in mittlerer Dosierung wie Prednisolon (z.B. Decortin H). Bei mehrmaligem Rezidiv Versuch mit Tetracyclin (Tetracyclin Wolff Kps.) 1 g/Tag p.o. in Woche 1, 0,5 g/Tag p.o. in Woche 2 und 0,25 g/Tag p.o. in Woche 3.

Verlauf/Prognose

Typisch ist der chronisch rezidivierende Verlauf der Erkrankung mit Verstärkung in den Wintermonaten und unter häufig kompletter Abheilung unter sommerlichem, maritimem Klima. Schubaktivitäten werden häufig unter Betablockermedikation (häufige Konstellation) beobachtet. 

Naturheilkunde

Ordnungstherapie:

Fette Externa sind strikt zu meiden, indiziert sind eher austrocknende, aber Feuchtigkeit-spendende Externa.

Eine ausgewogene Lebensführung, Meiden von "Stress" kann ebenfalls zur Verbesserung der übersteigerten Talgproduktion beitragen.

Hydrotherapie: Austrocknung mit Eichenrindenextrakt als Umschlag oder O/W-Emulsion (z.B. Tannolact®-(Creme/Lotio): enthält als Wirkstoff einen synthetischen Gerbstoff "ein sulfoniertes Phenol-Methanal-Harnstoff-Polykondensat)

Waschungen mit Duftstoff-freien Duschgels mit Totem Meersalz wirken desinfizierend und austrocknend.

Phytotherapie:

Mahonie (Mahonia aquifolium) wirkt antiphlogistisch, antiproliferativ, antibakteriell, antiseborrhoisch und keratolytisch. Genutzt werden sämtliche Bestandteile der Pflanze (Wurzelrinde, Stängel, Blätter).  Als 10 % ige Urtinktur, erhältlich in ® Creme 2-3 x / Tag kann das Ekzem mildern.

 Cardiospermum halicacabum (Ballonrebe)- Extrakte weisen durch ihren Gehalt an Saponinen, Alkaloiden, Flavonoiden und Gerbstoffen einen antiphlogisctischen Effekt aus, der sich beim seborrhoischen Ekzem als nützlich erweisen hat. Handelsüblich sind Cardiospermum-halicacabum-Blätterextrakte (z.B. Dermaplant® Salbe, Halicar®-Salbe).    

Zur Reduktion des Fettgehaltes haben sich adstringierende Umschläge, z.B. mit Eichenrindenextrakten  oder Schwarztee (alternativ Grüner Tee) bewährt.

Tabellen

Lokalisation

Vehikel

Wirkstoffe

Beispielpräparate

Kopfherde

Komplexsalben/Gele/Shampoos/Lösungen

Ketoconazol

Ket Shampoo

Ciclopiroxolamin

Batrafen Shampoo, Sebiprox Lösung

Salicylsäure

Criniton, Squamasol

Zinkpyrithion

Desquaman

Selensulfid

Selsun, Selukos

Schwefel

Diasporal

Steinkohlenteer

Tarmed

Ohne Zusatz

Dermowas, Physiogel

Cremes/Salben/Tinkturen

Salicylsäure

Squamasol, Lygal Kopfsalbe

Glukokortikoide

Ecural, Dermatop

Prednisolon

Lygal Kopftinktur

Prednisolon, Salicylsäure

Alpicort Lösung

Cremes

Ammoniumbituminosulfonat

Ichthosin, Ichthoderm,

133

Gesichtsherde

Tinkturen/Gele/Lösungen/Cremes/Lotionen

Ketoconazol

Nizoral, Terzolin

Metronidazol-Gel

Metro Gel

Metronidazol-Creme

Metro Creme

Erythromycin-Lösung

Aknemycin

Erythromycin-Gel

Eryaknen 2-4%

Salicylsäure-Ethanol-Gel

Ethanolhaltiges Salicylsäure-Gel 6% (NRF 11.54.) 216

Salicylsäure, Na-Bituminosulfonat

Aknichthol Soft Lotio

Körperherde

Cremes/Salben

Ketoconazol-Creme

Nizoral Creme

Ciclopiroxolamin-Creme

Batrafen Creme

Metronidazol-Creme

Metro Creme

Erythromycin-Salbe

Aknemycin Creme

Lithium-Salbe

Efadermin-Salbe

Clotrimazol-Creme

SD-Hermal Minutencreme

Lotionen

Clioquinol-Lotion (ggf. zusätzlich Ichthyol, Schwefel)

050

Badezusätze

Weizenkleie- Haferstrohextrakt

Silvapin

ohne spezielle Zusätze

Dermowas, Satina, Sebamed

Hinweis(e)

Patient über mögliche Verschlechterung des Hautbefundes aufgrund von übermäßigem Alkoholgenuss, Genuss von fettreichen oder stark gewürzten Speisen aufklären.

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

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